Die Glocken der Pfarrkirche St. Peter und Paul, Neuhausen

Die Glocken von 1912

Im Jahre 1912 wurde der bis dato niedrige Turm der Pfarrkirche aufgestockt und somit

der Größe des Kirchenneubaues von 1850-1852  angepasst Durch diese Maßnahme bot sich genügend Platz für ein  adäquates großes Geläute. Vor 1912 beherbergte der Turm ein Geläute von 3 Glocken Es waren dıe Töne Fis, Cis und Fis. Dıe wertvollste dieser drei Glocken  stellte die als erstes genannte Glocke Fis dar Gußjahr 1440 oder 1450.

Der Kirchenstiftungsrat beschloss 1912 unter der damaligen Amtszeit  von Dekan Leser, dıe weniger wertvollen Glocken Cis und Fis durch  die Glockengießerei Kurtz in Stuttgart umgießen zu lassen. Dekan  Leser selbst und Schultheiß Balluff stifteten ür 2083 Mark eine weitere, neue Glocke.
Das Geläute bestand nun aus den Tonen Fis (alt)  Ais, Cis und Dis.
Am 13 Oktober 1912 wurden diese Glocken durch  Dekan Leser geweiht und am 18 Oktober 1912 zur großen Freude der  Gemeinde zum ersten Mal geläutet.  Diese Freude sollte nur knappe 5 Jahre währen.
 Während des 1. Weltkrieges verstummten die 3 fast neuen Glocken. Am 15 Juli  1917 ließ man sie abnehmen und als Kriegsmaterial dem Schmelzofen  zuführen. Auf Grund ihres besonderen Wertes blieb die alte Fis Glocke  glücklicherweise verschont und sollte acht Jahre lang ihren Dienst  alleine versehen.
Im Jahre 1925, unter Pfarrer Max Welger, wurde die Glockenfrage  eifrig vorangetrieben In einer Sitzung des Kirchenstiftungsrates am  15 Februar 1925 wurde der Ruf nach Ergänzung des Geläutes der  Pfarrkirche trotz fehlender Mittel laut und man war sich dann einig, daß der Glockenturm „entsprechend der Bedeutung der einzigen katholischen Pfarrkirche im Umkreis" mit einem neuen Geläute ausgestattet werden soll. Die noch vorhandene Fis-Glocke sollte erhalten bleiben „trotzdem sie nicht richtig gestimmt" sei. Der Sitzung  vorausgegangen war eine genaue Untersuchung der alten Glocke,  welche ergab, daß diese "eine gute Ergänzung und eine hervorragende  Leistung eines Glockengießers vergangener Zeit ist".  Für das neue Geläute wurden 30.000 Mark veranschlagt. In einer weiteren Sitzung des Kirchenstiftungsrates am 29.März 1925 wurde ein  konkreter Finanzierungsplan erstellt und das Vorgehen beim Sammeln  von Spenden aus der Pfarrgemeinde festgelegt. Ein großer Teil des  Geldes sollte durch käufliche Anteilscheine zu je 10 Mark gesammelt werden.  Eine weitere wichtige Frage dieser Sitzung war die Festigkeit des  Turmfundamentes seit der Aufstockung von 1912. 
Bevor die endgültige Größe eines neuen Geläutes festgelegt werden konnte, musste  zuerst ein statisches Gutachten abgewartet werden. Prinzipiell jedoch wurde die Anschaffung eines neuen Geläutes in jener Sitzung  beschlossen.  Drei bekannte deutsche Glockengießereien wurden um Angebote angeschrieben. Der Auftrag ging letztendlich an die  Firma Radler in Lauingen. 
Als Tonfolge für das neue Geläute wurden die Töne B, C, Es' F ', G',  B' und C" festgelegt. Pfarrer Weiger beschäftigte sich intensiv mit  der Namensgebung der Glocken und den Inschriften, welche die  Glocken zieren und Bezug auf die besonders in Neuhausen verehrten Heiligen nehmen sollten.  In die Beratung der Inschriften zog Pfarrer Weiger per Briefweghsel  den Beuroner Benediktinennönch Pater Anselm Manser O.S.B. mit  ein.  Nachdem sich Pfarrer Weiger und Pater Anselm einig waren, erhielten die Glocken des neuen, mächtigen Geläutes folgende lateinische  Bezeichnungen und Inschriften (Die großen Glocken wurden mit je  2 Inschriften versehen die erstgenannte stand jeweils auf der  Stirnseite, die zweitgenannte jeweils auf der Armseite der Glocke. 

 

1) Gloriosa (Dreifaltigkeitsglocke - Ton B, 37.5 dz)  UNI TRINOQVE DOMINO SIT SEMPITERNA GLORIA QVI VITAM SINE TERMINO NOBIS DONET IN PATRIA  (Dem einen und dreifaltigen Herrn sei immerwährende Ehre, der uns  Leben ohne Ende im Vaterland geben möge)  
PRIORES CAMPANAS AB SUMSIT DIRA BELLI NECESSITAS  NOVAS HAS NOBIS PEPERIT IUBILARIS IUCUNDITAS ANNO  SACRO MCMXXV  (Die früheren Glocken hat uns die 
Jubelfreude hervorgebracht im Heiligen Jahr 1925)  

 

2) Patrona (Peter-und Paul-Glocke, Ton C' 21,1 dz)  AVETE PATRONI BEATISSIMI SUMMI REGIS SENATORES  APOSTOLORUl\/I OMNIUM PRINCIPES LUCIDI  (Ihr habt die glückseligsten Patrone, Senatoren des höchsten Königs,  leuchtende Fürsten aller Apostel)  
INTER TUBILARIA SOLEMNIA ILL MI PASTORIS APOSTOLICI PAULI WILELMI A KEPPLER ERUCTAVI DEO PRIMOS  CUM PIO GREGE IUBILOS A.D. MCMXXV  (Während der Jubelfeste des sehr angesehenen apostolischen Hirten  Paul Wilhelm von Keppler habe ich für Gott die ersten Jubelrufe zusammen mit dem frommen Volk ausgestoßen. Im Jahr des Herrn  1925). 

 

3) Pretiosa (Hl.Blut-Glocke, Ton es' 16,2 dz)  DOMINE TUIS FAMULIS SUBVENI QUOS PRETIOSO SAN-  GUINE REDIMISTI -  (Herr, komme deinen Dienern zu Hilfe, die du mit deinem kostbaren  Blut erlöst hast)  
NOSTRORUM GRATAM MEMORIAM RESONO CARORUl\/I QUI  MILITANTES PRO PATRIA NOVISSIMI TEMPORE BELLI VI-  TAM DONARUNT AD SANGUINEM  (Ich lasse die dankbare Erimierung an unseren Lieben widerhallen,  die als Soldaten in der Zeit des jüngsten Krieges Leben und Blut fiir  das Vaterland gegeben haben)  

 

4) Annunciata (Marien-oder Angelus-Glocke, Ton f' 11,2 dz)  ANGELUS DOMINI NUNTIAVIT MARIAE AVE GRAT IA PLE-  NA  ( Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft. Gegrüßest seist  du voll der Gnade)  
VERBUM CARO EACTUM EST ET HABITAVIT IN NOBIS  ( Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt)  

 

5) Generosa (St.Josephs-Glocke, Ton g' 6.4 dz)  
SCS JOSEPH GENEROSUS DAVIDICA STIRPE GENEROSUS  PIO PATROCINIO  (Heiliger Joseph, von edler Abkunft aus davidischem Stamme, hoch-  herzig in frommem Schutzdienst)
NUTRITOR DOMINI SPERATE IN EO OMNIS CONGREGATIO  POPULO  (Ernährer des Herrn, auf ihn hoffet jede Versammlung des Volkes) 

 

6) Pia (St.Laurentius-Glocke, Tonb', 4.5 dz)  
BEATUS LAURENTIUS AIT DEUM MEUM COLO  (Der selige Laurentius spricht: ich verehre meinen Gott)  

 

7) Lacrimosa (Armenseelen-Glocke, Ton c", 2.5 dz)  PIE IESU DOMINE DONA EIS REQUIEM 

(Guter Herr Jesus: Gib ihnen die (ewige) Ruhe)  

Ungeachtet des neuen Geläutes verblieb die altehrwürdige Fis-oder  F-Glocke als Ergänzung des neuen Geläutes im Glockenturm. Neben  dem neuen Geläute fiír die Pfarrkirche ließ man, ebenfalls durch die  Gießerei Radler in Lauingen, eine kleine Glocke fiír die Josefskapelle  auf der Hochau sowie eine zweite Glocke für die Friedhofskapelle  herstellen.  
Pax Sancta (Friedhofsglocke, Ton nicht bekannt, Gewicht 66 kg)  
PAX SANCTA REF RIGERET VOS DEUS (Gott hätte euch erkalten lassen können)  

Solamen (Feldglocke zum Hl.Joseph, Ton nicht bekannt, Gewicht 26kg) 
SOLAMEN NUTRITOR DOMINI ORA PRO NOBIS ( Emährer des  Herm: bitte fiir uns)

 

Die Weihe der neuen Glocken  

 

Ursprünglich war die Glockenweihe für Oktober 1925 geplant. Die  Glockengießerei konnte allerdings nach eigenen Angaben aus  Witterungsgründen diesem Termin nicht nachkommen und so wurden die Glocken erst am 20. Dezember 1925 geweiht und die Tage  darauf auf den Turm hinaufgezogen.  
Am l0.Januar 1926 war das Geläut im ebenfalls neuen stählernen Glockenstuhl installiert, gestimmt und intoniert und erklang zum ersten Mal während einer Glockenfeier zum großen Jubel der Gemeinde.  Am Sonntagnachmittag wurde die feierliche  Weihe im Auftrag des Bischofs durch Herrn Prälaten, Domdekan  Dr. Kottmann, vorgenommen. Mit TeDeum und feierlichem Segen schloß die erhebende  Feier.(...) Das Probeläuten wird noch einige Tage auf sich warten las-  sen, da der Einbau des Geläutes, zumal der zwei gewaltigen großen  Glocken, noch ein schweres Stück Arbeit darstellt."  Rückblickend klingt vor allem die Schlussbemerkung dieses  Zeitungsartikels bemerkenswert um nicht zu sagen tragisch: " Möge  nie mehr der Tag kommen, an dem die Glocken ihre Friedensaufgabe  vertauschen müssen mit der anderen schweren Aufgabe, Waffenhilfe  zu bringen dem bedrängten Vaterlande."  Noch bis zum Jahr 1928 mußte die Kirchengemeinde mit Haussammlungen und sonstigen Spendenaktionen Geld sammeln,  um das 30.000 Mark teure Geläute abzubezahlen. Glücklicherweise  konnte niemand zu der Zeit ahnen, daß das unter großen Bemühungen erstellte neue Geläut nur 16 Jahre seinen Dienst versehen sollte.

 

Glockenabnahme im Kriegsjahr 1942  

 

Am 9.Januar 1942 wurden, wie in anderen unzähligen Kirchtürmen  des damaligen Deutschen Reiches, die relativ neuen Glocken der  Pfarrkirche erneut zu Kriegszwecken abgenommen und den  Schmelzöfen zugeführt. Bis auf die alte, besonders wertvolle F-Glocke,  wurden

alle Glocken geopfert. Erneut versah für einige Jahre die fast  500 Jahre alte Glocke ihren Dienst alleine. 

Einer bemerkenswerten  Aufzeichnung nach fand sich kein Neuhausener Unternehmen mehr  bereit, die Glocken im Jahr 1942 abzunehmen und so wurde ein  Unternehmen aus Esslingen beordert. Es läßt sich nur erahnen, wie hart es für die Menschen der  Kirchengemeinde gewesen sein musste, den unter großen Opfern angeschafften Glocken von 1925 beim Abtransport zur Vernichtung  ohnmächtig zuzusehen.

 

Glockenweihe 1950

Das Geläute der Neuzeit  

 

Bereits kurz nach Kriegsende, in einer Sitzung des  Kirchenstiftungsrates vom 18.11.1945, kam der "äußerst mangelhafte  Glockenbestand " Neuhausens zur Sprache. Erörtert wurde, wie man  am schnellsten zu einer Lösung des Glocken-problems käme. Der  Protokollant dieser Sitzung hielt fest: " Zur Sprache kam in der Mitte  des K. St.R. und der O.A.V der äußerst mangelhafte Glockenbestand.  


Die Pfarrkirche hat von den vorhandenen 9 Glocken nur noch eine  und die Liebfrauenkapelle von 2 auch nur noch 1. Die übrigen mußten  Während des Krieges an die Wehrmacht abgeliefert werden. 
Es war  in Erfahrung gebracht worden, daß in Hamburg 10.000 unversehrte  Glocken liegen und daß H.H.Dekan Hindelmaier, Pfarrer einer  Gemeinde im Dekanat Meınmingen fiir diese schon die vollständige  Ergänzung des Glockenbestandes bekommen habe. Der K.St.R.  beschließt und ermächtigt den stellvertr.  Vorsitzenden, die nötigen Schritte zur Erlangung von wenigstens 5  Glocken für die Pfarrkirche und 1 für die Friedhofskapelle zu unter-  nehmen. 
Nachdem sich auf diesem Wege offensichtlich wohl doch kein Geläute  beschaffen ließ, wurde die Neuanschaffung eines Geläutes beschlossen  unter Einbeziehung der alten F-Glocke. Das neue Geläute sollte aus  den Tönen C', Es', F', As', B' und C' bestehen. Wie viele Glocken  aber letztendlich möglich sein sollten, wurde vom Spendenaufkommen  abhängig gemacht. 
Bereits 1947 konnte wenigstens eine neue Glocke dank einer Stiftung  der Neuhausener Familie Gebhard Balluff angeschafft werden. Nach erfolgreichen Haussammlungen am Palmsonntag und an weiteren Sonntagen im August 1950 konnte der Kirchenstiftungsrat der  Glockengießerei "Grünes Licht" geben die erforderliche Summe  von ca. 15.000 DM war aufgebracht worden. Bis zur letztendlichen Vervollständigung des wirklich stattlichen  Geläutes sollten weitere 10 Jahre vergehen. 
In der Sitzung des  Pfarrgemeinderates vom 1. Februar 1960 konnte Pfarrer Andreas König  eine besonders frohe Botschaft an das Gremium weitergeben, die der  Protokollführer wie folgt aufgezeichnet hat: „Hochwürden H. Vorsitzender gibt bekannt, daß Frl. Emilie Friton, Neuhausen, Lindenstr.21,  der Pfarrgemeinde eine großzügige Stiftung machen will. Sie hat dem  Vorsitzenden erklärt, daß die noch fehlende große 50 Ztr.-C-Glocke  für das Neuhäuser Geläute stiften wird. 
Am 18. März 1960 wurde die große C'-Glocke unter Beisein der  Stifterin wiederum von der Stuttgarter Glockengießerei Kurtz mit  Erfolg gegossen. Wie schon beim Glockenguß von 1950 wurde die  Kirchengemeinde in den Kírchenanzeigern vom Januar 1960 bis nach  der Glockenweihe im Juni 1960 auf dem laufenden gehalten.    
          
Die Weihe der großen C-Glocke  Am Pfingstsamstag, 4. Juni 1960, wurde die 1,5 m hohe Glocke in einem festlichen Zug zur Kirche geleitet. Am darauffolgenden Samstag, 11. Juni um 20.00 Uhr konnte die  Bevölkerung zum ersten Mal das endlich vollständige, äußerst homogene und gelungene Gesamtgeläute der Pfarrkirche hören.

 

Das vollständige Geläute der Pfarrkirche im heutigen Zustand

 

1) Dreifaltigkeitsglocke (Ton C', 49 Ztr., Gußjahr 1960)  
Inschrift: GLORIA PATRI ET FILIO ET SPIRITUI SANCTO  (Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist)  "Meiner Heimatkirche Neuhausen auf den Fildern gestiftet Emilie  Friton, geb.6. Juli l879"
  
2) Peter und Pauls-Glocke (Ton Es', 30.5 Ztr., Gußjahr 1950)  

Inschrift: CONSTITUES EOS PRINCIPES SUPER OMNEM TERRAM  (Du setztest sie ein als Fürsten über alle Lande)  

3) Zwölf~Ul1r-Glocke (Ton F', 27 Ztr., Gußjahr 1440 oder 1450)  
Inschrift: LUCAS MARCUS IOHANNES MATHEUS  ANNO DOMINI MILESIMO  Sehr wertvolle Glocke, stammend aus der Gießerei Hans Eger,  Reutlingen  

4) Kriegergedächtnisglocke (Ton As', 12,1 Ztr., Gußjahr 1950)  
Inschrift: DA PACEM DOMINE (Gib Frieden Herr)  

5) Marienglocke (Ton B', 9 Ztr., Gußjahr 1950
 Inschrift: BENEDICTA ES TU VIRGO MARIA A DOMINE  PRAE OMNIBUS MULIERIBUS SUPER TERRAM  (Gesegnet bist du Jungfrau Maria, vom Herrn aller Frauen der  Erde)       

6) Totenglocke (Ton C", 6,5 Ztr., Gußjahr 1947)  Bild: St. Michael  Inschrift: SIGNIFER SANCTUS MICHAEL  REPRAESENTET  EAS IN LUCAM SANCTAM  (St. Michael, Bannerträger, geleite sie ins ewige Licht)       

Leider entzieht sich unserer Kenntnis, wer die tonale Zusammensetzung  des heutigen Geläutes der Pfarrkirche Neuhausen entworfen hat. Ob  es wohl ein Zufall ist, daß das Neuhausener Geläut genau dem Geläute  der Klosterkirche von Beuron entspricht? 
Da es zwischen der Pfarrgemeinde Neuhausen und dem Kloster  Beuron traditionell schon lange eine gute Verbindung gab, wäre es  durchaus denkbar, daß das heutige Geläute der Pfarrkirche Neuhausen von Beuron aus inspiriert wurde.

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